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Zum Jahr des hl. Josef

heiliger Josef (Foto: zvg)
Interview mit em. Univ.-Prof. Dr. Józef Niewiadomski zum besonderen «Jahr des Hl. Josef»
Felix Zgraggen,
Lieber Józef, ich freue mich wirklich sehr, dass ich hier einen emeritierten Universitätsprofessor, zum «Jahr des heiligen Josef» befragen darf. Worum geht es da?

Man darf nicht übersehen, dass unsere Kultur solche Symbole und Bilder tagtäglich benutzt. Es gibt das Jahr des Hundes beispielsweise bei den Chinesen. UNESCO und UNO rufen auch besondere Jahre oder Tage aus, wo eine bestimmte Problematik in den Vordergrund gerückt wird. Warum das «heilige» Jahr? Die alte Tradition knüpft an die sogenannte Ablassfrage an. Modern würde ich das übersetzen: hin und wieder braucht man eine «Generalreinigung». Reinen Tisch machen, was belastet, weg zu machen, das war die Idee vom Ablass. Und wie ist das beim Generalputz? Entweder mache ich‘s alleine oder ich hole mir ein bisschen Hilfe. Und hier haben die Katholiken sich die Hilfe von Heiligen beispielsweise geholt. Ich würde sagen, dahinter stehen schon ganz interessante menschliche Phänomene und Probleme.

Was ist denn die Stärke des heiligen Josef gerade in der jetzigen «besonderen Situation», wo z.B. die häusliche Gewalt zugenommen hat?

Die Pandemie macht uns für etwas sensibel, was unsere Kulturen radikal verdrängt hat: Wir können in unserem Leben vieles machen, aber noch mehr widerfährt uns, wie jetzt diese Seuche. Wir werden sensibel gemacht: Es gibt Situationen, wo man sich nur beugen oder fügen muss. So etwas lernt man an sich tagtäglich in einer Partnerschaft: Dass nicht ich alleine alles entscheide, sondern Rücksicht auf andere nehmen muss. Ich muss mich fügen. Und gerade in der Zeit der Krise ist die Partnerschaft, Familie besonders gefordert, weil man ständig doch sehr nahe ist, aufeinander angewiesen ist. Und es stellt sich die Frage, wie gehen wir damit um. Es gibt Phänomene in der Familie, die verstärkt zum Vorschein kommen, wie zum Beispiel eben häusliche Gewalt. Ich würde sagen, hier braucht es natürlich alle möglichen Strategien. Eines dürfen die religiösen Menschen aber nicht vergessen: Es gibt auch die Kraft, die aus dem Beten kommt, aus dem Glauben. Menschen, die beten, die vertrauen, gerade in dem Zusammenhang beispielsweise der heilige Josef, tun etwas gegen Situationen, gegen die sie sonst nichts machen können. Und Beten ist immer noch besser als sich bloss besaufen, würde ich sagen.

Warum gerade der heilige Josef?

Drei Punkte. Zum ersten: Er ist ein Mensch, der voller Pläne und Elan war. Er wird damit konfrontiert, dass es im Leben anders läuft als er sich das vorgestellt hat. Mehr noch, er stürzt ab. Misstrauen und Kränkung angesichts dessen, dass Maria schwanger wird, aber nicht von ihm. Und sein erster Gedanke: sich davon machen. Das ist der erste Zusammenhang, aber Josef macht sich nicht Hals über Kopf aus dem Staub. Jetzt kommt der zweite Zusammenhang: er hört auf andere. Auf Stimmen, die nicht bloss bestätigen, was ihn selbst wurmt, sondern ihn auch korrigieren. Hier kommt dann die Figur des Engels. Wer sind die Engel? Das sind die Botschafter im menschlichen Leben, die eine Sackgasse sprengen. Und wie wird diese Sackgasse gesprengt? – Und das ist jetzt der dritte Punkt: Josef, der Mann, der voller Pläne und Energien war, findet sich damit ab, dass er jetzt die zweite Geige spielt. Es gibt eine wunderschöne Erzählung von dem berühmten Dirigenten Leonard Bernstein. Er wurde gefragt, welches Instrument im Orchester das wichtigste sei. Und er sagte, die zweite Geige. Die zweite Geige sorgt für die Harmonie des Orchesters! In der zweiten Reihe stehen. Josef steht in der zweiten Reihe, sorgt aber dafür, dass Harmonie da ist.
Der moderne Mensch kommt zur nächsten Schwierigkeit, was soll das mit dem Engel. Was ist die Stimme des Engels? Natürlich kann man sich wie die Kinder der Problematik nähern. Karl Rahner, ein grosser Theologe, Dogmatiker, sagte: Gott finden wir im Gesicht eines anderen Menschen. Im Gesicht der Ehefrau, des Kindes, der Partnerin. Was heisst, auf die Stimme des Engels hören? Für mich ist die wichtigste alttestamentliche Geschichte die Geschichte von Tobias und Raphael. Raphael ist der Engel. Er begleitet Tobias als Wanderer in den ganz normalen Umständen. Ich würde sagen: Engel, das sind jene Begegnungen mit Menschen, mit ganz konkreten Menschen, die Sackgassen sprengen. Gott begegnen wir im Gesicht eines anderen Menschen, sagt Rahner. Aber Josef träumt. Was heisst das: etwas ist in seinem Unterbewusstsein da und schlummert da. Ich stelle mir das so vor: am Tag darauf ist er ins Gasthaus gegangen, hat mit seinem Kumpel geredet, und überraschenderweise sagt ihm der Kumpel dasselbe, was er geträumt hat: Renne nicht Hals über Kopf weg. Nimm Maria an. Das wäre eine Situation die sich, meiner Meinung nach, jeden Tag abspielen kann.

Beim letzten Umbau der Pfarrkirche Wädenswil wurde der Josefaltar und die Statue des Hl. Josef entfernt. Eine Lücke, die nicht nur das Äussere betrifft?

Man hat die Bilder abmontiert, die Kirchen leer gemacht im Kontext der nachkonziliaren Reform. Dadurch hat man, das sehen wir heute, die menschliche Vorstellungskraft ein bisschen einseitig ausgeliefert: An die Prägung durch die Werbung und die medialen Ikonen. Freilich gab es Bilder in den Kirchen, die kitschig waren. Was ist Krisch? Kitsch ist eine «Momentaufnahme», könnte man sagen, die dann irgendwann durchaus auch weggebracht werden kann. Aber es gibt inzwischen auch neue Bilder, auch vom Heiligen Josef, beispielsweise wo er sich um das Kind kümmert. Das wäre für mich auch wichtig, dass man solche Sachen neu zur Sprache bringt.

Die Männer, die sich am «Männerabend» einmal im Monat bei uns in der Kirche versammeln, bilden die am stärksten wachsende Gruppe unserer Pfarrei.

Paradoxerweise hat die feministische Herausforderung die Geschlechterrollen eingeebnet und anschliessend neue Frauenbilder entwickelt. Mühsam kommen wir dazu, dass die Männer auch analoges machen. Was ist da im Zusammenhang mit dem heiligen Josef interessant: Wir haben immer noch die alten Bilder von Männern. Wir haben Situationen, wo die Männer wegen ihren Männerbildern nur an den Pranger gestellt werden, kulturell, und sich ständig nur auf die Brust schlagen sollen, dass sie halt Männer sind. – Josef ist ein selbstbewusster Mensch, der eine bestimmte Rolle im Leben annimmt. Papst Franziskus hat in seinem Schreiben interessanterweise auf einen polnischen Roman hingewiesen, den ich auf Polnisch kenne. Ich weiss nicht, wie die deutsche Übersetzung ist. Die wichtigste Nuance ist «der Schatten des Vaters». – Wenn wir das heute hören, denken wir psychoanalytisch an jene Aussagen: Mensch, ich leide mein ganzes Leben unter dem Schatten des Vaters. Das ist im Roman nicht so gemeint. – Die Hauptidee ist: ein Vater, der sein Kind auf Schritt und Tritt begleitet, sich aber nie vordrängt, das Kind nicht ersetzt. Zweitens, er verbirgt die Allmacht des himmlischen Vaters, damit Jesus gewissermassen als normaler Mensch aufwachsen kann. Das ist eine theologische Idee. Josef muss sich damit abfinden, dass er nicht der Hauptregisseur, nicht der Haupt-Vater ist. Ich finde diese Geschichten schon sehr spannend. Die Rolle des Vaters, die Rolle des Mannes bringen, religiös gesprochen, Gott auf ein menschliches Niveau.

Warum brauchen wir Heilige?

Unsere Kultur redet nur von Vorbildern. Ich würde sagen, das ist nicht falsch, aber das ist auch eine Sackgasse. Das Leben gelingt dort, wo man nicht bloss herausgefordert wird – und das ist die Rolle der Vorbilder: Du musst so werden wie die anderen. – Das Leben gelingt, wo man begleitet, beschützt und getragen wird. In diesem Sinne hat die katholische Tradition den Schutzengel gekannt, aber auch die Namenspatrone. Interessanterweise hat gerade der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer eine wunderschöne Arbeit geschrieben über die «Communio Sanctorum», die Gemeinschaft der Heiligen. Kirche, Glaubensgemeinschaft als eine Gemeinschaft, deren Grenzen durch den Tod hindurch gehen. In der auch die Menschen, die schon vollendet sind, also bei Gott sind, auch einen Platz haben. Warum jetzt Heilige als Fürsprecher? Ich würde säkular übersetzen: niemand ist eine einsame Insel. Ich werde immer begleitet, ich habe auch einen Patron.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Wann betest du zum Hl. Josef?

Ich habe zu meinem 65. eine selbstgemachte, moderne Ikone des heiligen Josef von einem Freund geschenkt bekommen. Dieses Bild steht auf meinem Schreibtisch. Man sieht den Josef, und auf seinen Schultern sitzt der kleine Jesus. Und der kleine Jesus zeigt mit seiner Hand nach oben, also gewissermassen zum Himmel hinauf, und macht auch Josef darauf aufmerksam: Schau mal hinauf, nach oben. Sieh mehr als du normalerweise siehst! Nachdem ich in der Pandemie sehr viel am Schreibtisch sitze, habe ich irgendwann angefangen, jeden Tag für diese Ikone eine Kerze anzuzünden, die dann den ganzen Tag brennt, so lange ich im Haus bin. Beim Anzünden dieser Kerze sage ich ein Stossgebet: «Lieber Josef, beschütze Friedrich.» Friedrich ist mein Studienfreund, der an Alzheimer erkrank ist. Er lebt in Deutschland allein in seiner Wohnung. Das ist mir zu einem Ritual geworden, wo ich mich mit meiner Beziehung zu meinem Kollegen, der nicht da ist, dem heiligen Josef anvertraue.

Herzlichen Dank für das Interview, lieber Józef, bleib gesund und grüsse mir Innsbruck! Mit em. Univ.-Prof. Dr. Józef Niewiadomski sprach Felix Zgraggen.
heiliger Josef
06.02.2021
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Verantwortlich: Felix Zgraggen
Bereitgestellt: 09.02.2021
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